Bezahlen geht auch ohne Euro
„Tauberfranken“, „Sterntaler“, „Nahgold“: Immer mehr Regionen entwickeln eigene Währungen zur Stärkung der lokalen Wirtschaft

(1) Berlin – Die Idee entstand aus der Not heraus. Frank Jansky ist Rechtsanwalt in Güsen, einer Kleinstadt in der Nähe von Magdeburg. In der Gegend gibt es nicht für alle Leute Arbeit und entsprechend wenig Geld haben sie in der Tasche. Jansky bekam das zu spü-ren, als manche Klienten ihre Rechnungen nicht bezahlen konnten. Da kam ihm die Idee, mit dem „Urstromtaler“ eine regionale Währung neben dem Euro zu schaffen.
(2) Als erster Klient zahlte der örtliche Bäcker einen Teil seiner Rechnung mit dem neuen Geld. Für ihn hatte der Rechtsanwalt eine Gerichtsvertretung übernommen und ihn in Rechtsfragen beraten. Im Gegenzug reichte Jansky in den darauf folgenden Wochen „Urstromtaler“ über die Ladentheke, wenn er Brötchen kaufen wollte. Das war im Oktober 2004.
(3) 3 man damals nur in wenigen Geschäften mit den ockerfarbenen Scheinen zahlen konnte, akzeptieren ihn heute mehr als 300 Handwerker, Bioläden und Bäckereien in und um Magdeburg. Das besondere an dem „Urstromtaler“ ist, dass man ihn nicht wie die meisten anderen Regionalwährungen gegen Euro erhält, sondern ihn sich durch eine eigene Leistung verdienen muss. „Das hilft den Leuten, die keine Euros mehr übrig haben – oder gar nicht erst die Chance, sich durch einen festen Job welche zu verdienen“, sagt Jansky.
(4) 25 regionale Währungen sind in Deutschland bereits im Umlauf, etwa 30 weitere sind geplant. Den Anfang machte im September 2002 der Bremer „Roland“, kurz danach folgte der „Chiemgauer“, der in den Landkreisen Traunstein und Rosenheim dem Euro Konkurrenz macht. Sie alle haben das Ziel, die heimische Wirtschaft anzukurbeln, indem die Leute ihr Geld in der Region ausgeben.
(5) Wie gut so eine Regionalwährung funktioniert, hängt stark davon ab, ob es genügend Unternehmen und Kunden gibt, die mitmachen. Das Café Laila in Potsdam etwa hatte sich Anfang des Jahres bereit erklärt, die Regionalwährung „Havelblüte“ anzunehmen. Bislang wollte aber noch niemand seinen Kaffee damit bezahlen.
(6) Auch Ralf Schuhmacher aus dem nordhessischen Witzenhausen hat beobachtet, dass die Ersatzwährung nicht bei allen ankommt. „Nur ein Drittel der Geschäftsleute in unserer Stadt nimmt das Regionalgeld an. Das ist mager“, sagt der Kinobetreiber, der seit mehr als zwei Jahren Tickets und Popcorn auch gegen „Kirschblüten“ herausgibt. Er macht zwar immerhin 15 Prozent seines Umsatzes in der Regionalwährung, doch nach ersten Erfolgen schwindet das Interesse der Kunden langsam wieder. „Es fällt den Leuten schwer, ihre sauer verdienten Euros gegen eine Währung einzutauschen, die aussieht wie Spielgeld“, vermutet Schuhmacher.
(7) Damit das Regiogeld im Umlauf bleibt und schnell ausgegeben wird, ist in das System eine Art künstlicher Inflation eingebaut. Wer zum Quar- talsende noch „Chiemgauer“ besitzt, muss eine Marke kaufen und sie auf den Schein kleben, damit er gültig bleibt. Das macht zwar nur zwei Cent pro „Chiemgauer“ aus, stellt aber sicher, dass der „Chiemgauer“ auch tatsächlich umgesetzt wird und dadurch die heimische Wirtschaft ankurbelt.
(8) Trotz dieses Paradebeispiels zweifeln die meisten Volkswirte jedoch daran, dass diese Art von Wirtschaftsförderung wirklich funktioniert. „Die Regionalwährungen schaden zwar nicht besonders, aber sie bringen auch nichts“, sagt Gerhard Rösl, Volkswirtschaftsprofessor an der Fachhochschule Regensburg. Die Hoffnung vieler Befürworter, mit den bunten Scheinen strukturschwache Landkreise wirtschaftlich voranzubringen, werde sich nicht erfüllen. „Denn das System zielt auf regionale Abgrenzung – und die behindert den überregionalen Handel, ohne den sich eine Region nicht weiterentwickeln kann.“
(9) Rösl hat für die Bundesbank eine Studie über Regionalwährungen erstellt und schätzt darin, dass derzeit Regionalgeld im Wert von umgerech- net über 400 000 Euro in Deutschland im Umlauf ist – gegenüber 900 Milliarden „echter“ Euro, die in Form von Buch- oder Bargeld zirkulieren.
Die Welt